Hinweis zum Inhalt:
Dieser Beitrag handelt von Depressionen und meinen persönlichen Erfahrungen damit.
Ich bin ein Lügner, ein Heuchler, ein Täuscher. Klingt dramatisch, aber ein Teil von mir glaubt genau das.
Dabei fängt es schon bei einer kleinen, simplen Frage an: „Wie geht’s dir?“
Ich kann nicht aufzählen, wie oft ich bei dieser Frage gelogen habe. Nicht immer bewusst, aber oft genug. Dabei belüge ich mich auch häufig selbst.
„Mir geht’s gut“, „Alles bestens“, „Ich kann nicht klagen“. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal gesagt habe: „Mir geht es echt schlecht.“
Ich möchte dir erzählen, wie ich mit meinen Depressionen lebe. Nicht als Aufklärung, sondern als Blick in meinen Alltag. Manches ist besser geworden, anderes ist weiterhin schwer.
Versteh mich nicht falsch. Es geht mir nicht dauerhaft schlecht. Nicht immer ist ein „Mir geht’s gut“ eine Lüge. Aber oft geht es mir nicht gut und ich will das trotzdem nicht sagen. Oft kann ich selbst nicht mal sagen, wie es mir wirklich geht.
Ich will dich nicht belasten. Ich will nicht im Mittelpunkt stehen. Vor allem aber will ich stark wirken, damit ich da sein kann, falls du mich brauchst.
Ich habe früh gelernt, dass für mich kein Platz ist. Deshalb habe ich nie wirklich gelernt, mich um mich selbst zu kümmern. Für andere da zu sein, fällt mir leichter. Wenn mich jemand braucht, möchte ich helfen. Ich weiß aber nicht, wie ich mich um mich selbst kümmern soll.
Statt auf mein Gefühl zu achten, vergleiche ich mich mit anderen. Es gibt so viele Menschen, denen es schlechter geht, die ein schwierigeres Leben haben. Also wieso darf es mir dann schlecht gehen?
Würdest du mir diese Frage stellen, würde ich dir sagen: Das ist kein Maßstab. Dass es anderen schlechter geht, macht dein Leid nicht weniger wichtig und sorgt auch nicht dafür, dass es dir besser geht.
Bei mir selbst fällt es mir schwer, das zuzulassen. Dann fühle ich mich wie der größte Heuchler. Anderen gestehe ich etwas zu, das ich mir selbst verweigere.
Sachlich weiß ich vieles, aber es emotional zuzulassen fällt mir noch immer sehr schwer.
Nach außen hin scheint trotzdem alles gut zu funktionieren. Genau so soll es aussehen.
Morgens habe ich große Schwierigkeiten, aus dem Bett zu kommen. Nicht, weil es unter der Decke so gemütlich ist. Mir fehlen schon zu Beginn des Tages Antrieb und Energie. Irgendwie stehe ich dann doch auf, mal früher und mal später. Manchmal kann ich mich in Ruhe für die Arbeit vorbereiten, oft muss ich mich beeilen, aber irgendwie funktioniert es im Regelfall.
Bei der Arbeit übernehme ich Verantwortung, erledige meine Aufgaben und bin Ansprechpartner, wenn jemand Unterstützung braucht. Meine eigenen Bedürfnisse geraten dabei schnell in den Hintergrund. Oft merke ich erst spät, dass ich wieder zu wenig getrunken oder kaum auf mich selbst geachtet habe. Was mich innerlich beschäftigt, schiebe ich erst mal beiseite.
Und doch funktioniere ich auf der Arbeit am besten. Aber das ist auch der Punkt: Ich funktioniere. Dass ich meine Aufgaben erledige, heißt nicht automatisch, dass es mir gut geht.
Daheim starte ich den Rechner. Schaue Videos, Filme oder Serien oder zocke. Manchmal telefoniere ich mit einem meiner Brüder. Wenn es gut läuft, mache ich mir eine Pizza im Backofen. Manchmal sind es Instantnudeln, manchmal esse ich gar nichts. Nicht unbedingt, weil ich keinen Hunger habe, sondern weil mir die Energie fehlt.
Am Wochenende wäre Zeit, etwas zu unternehmen oder Freunde zu treffen. Meistens bleibe ich trotzdem zu Hause. Ich bin fast ausschließlich am Computer. Früher hatte ich daran Freude, doch inzwischen ist es oft nur noch Gewohnheit und Ablenkung.
Ich schaffe es, einigermaßen Ordnung in meiner Wohnung zu halten, wenn ich Besuch erwarte. Und auch nur dann. Spontaner Besuch würde mich in eine Art Panik versetzen.
Freunden antworte ich manchmal erst nach einem Monat oder noch später. Ich mache es „später“. Aus später wird morgen, aus morgen wird der Tag darauf. Bis ich irgendwann denke: „Scheiße, die Person hat mir ja schon vor drei Wochen geschrieben. Ich muss da bald endlich antworten.“
Ich kenne diese Muster. Ich sehe, was sie mit mir machen. Trotzdem komme ich nicht einfach aus ihnen raus.
Und wenn ich etwas anders machen möchte, meldet sich mein innerer Kritiker:
„Lass es sein, du kriegst es doch eh nicht hin.“
„Bleib lieber bei dem, was du immer tust.“
„Es fällt ja eh niemandem auf, dass du dich nicht meldest.“
Dann fühlt es sich an, als wäre ich selbst mein größter Feind.
Ich will aufhören, ständig zu funktionieren und zu behaupten, mir ginge es gut. Ich möchte für andere da sein, aber auch lernen, für mich selbst da zu sein. Dazu gehört, mir einzugestehen, dass ich gesehen werden möchte und dass dieses Bedürfnis in Ordnung ist.
Das wird nicht von heute auf morgen gelingen, aber dieser Beitrag ist ein wichtiger Anfang.
Ihn zu schreiben, ist mir nicht sonderlich schwergefallen. Ihn zu veröffentlichen, wird mir dagegen unglaublich schwerfallen. Er zeigt eine Seite, die sich für mich gebrochen anfühlt und alles in mir schreit danach, sie weiter zu verbergen.
Wenn du bis hierher gelesen hast, möchte ich dir von Herzen danken. Danke, dass du mich siehst und dass ich mich zeigen darf.
Und ich will auch mir selbst danken, dass ich diesen Schritt gehe.
Schon bei diesem Gedanken zieht sich alles in mir zusammen. Es fühlt sich falsch an, als dürfte ich mir nicht danken. Aber genau deshalb will ich es tun.
Dieser Beitrag ist mein erster Schritt, mich zu zeigen.
Allein für diesen Gedanken hat es sich für mich gelohnt, den Beitrag zu schreiben und vielleicht bringt dir dieser Beitrag ja auch etwas.
Wenn du möchtest, kannst du mir gerne einen Kommentar hinterlassen. Ob du ähnliche oder ganz andere Erfahrungen hast: Ich freue mich über deine Gedanken. Auch berechtigte Kritik ist willkommen.
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